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  • Ein Netzwerk der Kreativität
    Gut gelungene KulturPackt-Gala in ausverkaufter Rathausdiele

    SCHWEINFURT - KulturPackt-Geschäftsführer Jimmij Günther war zufrieden: Auch die diesjährige Pre-Silvesterparty der großen KulturPackt-Gemeinde wurde in der voll besetzten Rathausdiele zu einem großen Erfolg. Sprecherin Johanna Bonengel: "Ein festlicher Abend der Kreativität".

    Und ein fröhlicher Abend. Dafür sorgt schon das Pantomimenduo Maike Jansen und Stefan Ferencz in ihren skurrilen Masken, das das verehrte Publikum liebevoll begrüßt. Und auch Hans Driesel als wortgewandter, pointensicherer Conferencier verbreitet gute Laune: "Ei der Daus, das Rathaus wird zum Freudenhaus".

    Doch da hatte er vielleicht etwas zu viel versprochen, und auch nicht jede der Superlativ-Ankündigungen der Mitwirkenden erwies sich dann als eine entsprechend professionelle Darbietung. Muss ja auch gar nicht sein.

    Driesel betonte später selbst, dass gerade die KulturPackt-Gala den begabten Amateuren aus der Region gerne ein Podium für ihre Auftritte biete. Einen furiosen Auftakt setzt Petra Eisend mit einer Kostprobe ihres Solo-Programms "Drum Experience": Ein polyrhythmisches Feuerwerk auf der Djembe-Trommel aus dem Malinke-Land.

    Melanie Neumann und Hans Driesel spielen eine vergnügliche Szene aus Molières "Schule der Frauen", in der der verliebte Alte letzlich der Verlierer ist. Dann entführen Amanda Büchner und Stefan Schael, Gäste aus Thüringen, in das flimmernde Reich des Musicals. Unglücklich wie in der gerade besungenen Westside-Story endet auch die Liebesgeschichte, die Autor Kurt Reitner in seinem Monolog "Eine Liebe" vorträgt. Ein verzweifelter Mann gesteht lakonisch den Mord an seiner Geliebten: "Einer von uns war fehl am Platz".

    Versöhnlichere, swingende Töne präsentiert Schweinfurts musikalischer Tausendsassa "Mad Bob" (Thomas Bickel) mit seinen Piano-Variationen, die irgendwie immer wieder beim geliebten Boogie landen. Großer Applaus. Etwas enttäuschend dagegen die Würzburger "Tangopassion", die so kaum für die erotische Leidenschaft dieses Tanzes werben kann.

    Mit einer Ode an den Geliebten "Jung und frisch wie du bist" beginnt LIedermacherin Jenny Boneja den zweiten Teil des Abends, mit einer fiktiven Rechtfertigungsrede an Frau von Stein überrascht Hildegard Driesel als Christiane Vulpius - eine gekonnte Darbietung und ein reines Vergnügen.

    Stefan Schael bietet als Elvis Presley eine ausgezeichnete Show, entfacht Applausstürme mit seinem Gesang und seiner überzeugenden Bühnenpräsenz. Zwei weitere Highlights hatte sich Günther für das Finale aufgehoben. Die orientalische Tanzformation "Nudzum Sahara" unter der Leitung von Moona (Eva Streit) verbindet Grazie, Erotik, Musikalität und sichtbare Freude am Tanzen, begeisterte mit ihrem farbenprächtigen Auftritt, der mehrere Zugaben erfordert.

    Und den wirklich wohlklingenden Schlussakkord setzt die neue Schweinfurter Gesangsformation "Ladylike": Claudia Dettmar, Melanie Zängler, Birgit Raichle und Pianistin Christina Raichle überraschen in "Somebody To Lean On" mit einer sauberen mehrstimmigen a capella-Einleitung, verzaubern das Publikum mit der Homogenität ihrer Stimmen und ihrer ansteckenden Musizierfreude.

    Manfred Herker, Schweinfurter Tagblatt und Volkszeitung, 02.01.2004




    Kunst im Klo und Bauernviecher
    Nacht der Kultur mit wieder mit viel Ver-rücktem

    SCHWEINFURT- Der beste Freund an diesem Abend ist das Programmheft zur siebten "Nacht der Kultur". Ohne wäre man aufgeschmissen, würde nur ziellos zwischen den 17 Veranstaltungsorten wandeln und völlig den Überblick über Kabarett, Musik, Theater und Kunst verlieren.

    Los geht's um 19 Uhr. Entweder bei der offiziellen Eröffnung im Innenhof der Galerie Alte Reichsvogtei oder bei der Vernissage "Erotik in der Malerei" in der Gallerie am Schrotturm. Diese findet aber gar nicht statt. Der Künstler ist erkrankt, die Bilder fehlen, Nadja und Karl-Heinz Hebling präsentieren dafür die derzeitige Ausstellung.

    Dann Skurriles. Das stille Örtchen in der Metzgergasse dient der Bildhauerin Kathrin Hubl als Kunst-Ort. Zwischen Kloschüssel und Pissoir stehen Schaukästen mit Bier, Wein, Weißwürsten, Sauerkraut. Die Idee: Eine Gegenüberstellung von Eingangs- und Ausgangsprodukt. Zugleich eine der seltenen Gelegenheiten für beide Geschlechter, auch mal das WC des anderen zu besuchen. Weil "wir doch alle gerne auf dem Klo lesen" haben Mitglieder der Schweinfurter Autorengruppe ein Theaterstück in gleich fünf Akten gelesen. So vollgestopft war das Herrenklo noch nie.

    Viele, vielleicht zu viele sind auch in die Buchhandlung Collibri gekommen, um den Kabarettisten Götz Frittrang zu erleben. Dich gedrängt stehen die Zuhörer (von Zuschauer kann nicht mehr die Rede sein) sogar auf der Treppe, lauschen den Gags des Bambergers, Nicht beser ist es bei "max-radio". Gut, dass das Wetter mitspielt: Die eingängigen Pop-Sounds des Duos schallen durchs geöffnete Fenster auch auf den Markt.

    Dem Rückert-Bau und seinem nüchternen Leopoldina-Saal sei Dank geht's bei "Erik Satie: Sports et Devertissements" luftiger zu. Dennoch ist Thomas Kerzel und der Pianistin Maria Plett mir ihrer multimedialen Darbietung (Musik, Text, Bilder) - neben der musikalischen Reise der Gruppe "Fialke" ins jüdische Osteuropa - wohl eines der Highlights dieses Abends geglückt. Die Tonsprache der Klezmer-Gruppe in der Galerie Alte Reichsvogtei geht in Herz und Beine. Anders als im Stattbahnhof. Hier konkurriert die Kulturnacht mit der Band "Shagalag" - und zieht den kürzeren. Bei "Slapstick-Filme & Percussion" bleiben Plätze leer, was sich als absolute Ausnahme herausstellt.

    Denn auch beim hochgradig anspruchsvollen Einpersonenstück "Kein Denkmal für Gudrun Ensslin" ist Körperkontakt zum Nebenmann angesagt. Der macht sich bezahlt. Denn Rike Schweitzer begeistert auf der Bühne ebenso wie Regisseur Bernd Lemmerich, der sich rührend um seine Gäste kümmert, jeden persönlich begrüßt und die schier aussichtslos erscheinende Aufgabe meistert, doch noch ein paar Stühle in den kleinen Raum im Notquartier Kindergarten neben dem angekündigten Veranstaltungsort St. Salvator-Kirche zu quetschen. 1300 Kulturfreunde jeden Alters - etwas mehr als letztes Jahr - sollen unterwegs gewesen sein, sagt KulturPackt-Geschäftsführer Jimmy Günther. Und im Hintergrund gackern, muhen und blöcken seine Installations-Viecher immer noch aus CD-Playern, weil die Weltstadt Schweinfurt doch nur dein Dorf ist.

    23 Uhr: Finale auf dem Markt. Weit über 1000 Bändchenträger und Schaulustige lassen bei afrikanischen Rhythmen mehrerer Percussions-Künstler, bei den Feuerschluckern "mimikry", den viel bestaunten "Lebenden Brunnen" und einem professionellen Feuerwerk die "Nacht der Kultur" noch lange nicht ausklingen. An vier Orten ging es noch lange weiter.

    Adam Nowak und Hannes Helferich, Schweinfurter Tagblatt, 29.09.03




    Sieben Stunden lang Kultur häppchenweise

    Kultur häppchenweise und dafür durch die nächtliche Stadt hasten oder sich im Bus zu den einzelnen Veranstaltungsorten chauffieren lassen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Zu dieser zum Teil kniffligen, weil kaum zu lösenden Aufgabe (wer verfügt auch schon über die Gabe der Bilokalität?) hat sich auch in diesem Jahr wieder ein riesiges Publikum hinreißen lassen.

    Leben herrschte in der Stadt bei der siebten "Nacht der Kultur", während der über 40 Künstler und Gruppen an 17 Orten im Stadtbereich im Zeitraum von sieben Stunden, von 19 Uhr abends bis 2 Uhr am morgens, ihre Auftritte hatten und von den nachtschwärmenden Besuchern enthusiastisch gefeiert wurden.

    Bei der Eröffnung vor einer dichtgedrängten Kulisse von Kulturenthusiasten im Innenhof der Reichsvogtei lobte Johanna Bonengel als Vorsitzende des Kulturpackts Schweinfurt den milden Herbstabend, als willkommene Voraussetzung, um sich überraschen zu lassen, was die Künstler und Gruppen sich haben einfallen lassen, um Dinge zusammenbringen, die nicht zusammen gehören und Gewohntes von der Stelle rücken, um in einem anderen Umfeld neue ungeahnte Botschaften zu vermitteln.

    Aufsehen erregte schon bei der Eröffnung die weiße sphinxhafte, leicht vibrierende Gestalt, die sich beim Jonglieren mit Keulen nicht aus dem Rhythmus bringen ließ. Auf dem Marktplatz war es ebenfalls eine weiße Gestalt in der Rolle eines stummen Brunnens, die von den Passanten ebenso wenig zu beeinflussen war. In der Reichsvogtei riss die Klezmer-Gruppe Fialke die Zuhörer rücksichtslos mit in den umwerfenden Taumel einer ekstatischen Hochzeitsgesellschaft eines imaginären Stetl, die von Monika Feil mit ihrer markanten Stimme in Jiddisch dominiert wurde. Fast nebenan im Leopoldinasaal entführte eine kurdische Gruppe in die ungemein rhythmische Folklore ihrer Heimat.

    Was wohl der Komponist Erik Satie dazu gesagt hätte, der fast ohne Unterbrechung, nach der kurdischen Folklore, von Thomas Kerzel und Maria Plett in Texten, projektierten Notenbildern und Illustrationen und eigenwillig präzisen Klavierkompositionen unter dem Motto "Sports et Divertissements" zelebriert wurde. Der sonst so still anmutende Friedrich-Rückert-Bau verwandelte sich an diesem Abend fast in ein Tollhaus, denn ein Stockwerk tiefer im Teorema sägte das Duo Sehnsucht schrill und schräg, frivol und frech Gassenhauer und Filmlieder aus den goldenen Zwanziger und den darauffolgenden Dreißiger Jahren.

    Die Provokation schlechthin probten mit der "Late night toilet show" in der platzangstvoll überfüllten Toilette am Rasthaus Rolf Finster, Peter Hub und Manfred Manger mit dem "Liebeskonzil" von Oskar Panizza. Dazu steuerte Andreas Mildner Harfenmusik bei.

    Die Wechselbäder wollten nicht enden. Nach den lärmigen Auftritten war es im Kindergarten der St. Salvatorkirche mucksmäuschenstill, als Rike Schweitzer die Rede der Gudrun Ensslin gegen die Wände der Stammheimer Zelle hielt.

    Von der Gediegenheit zum Provokation, vom Glamour des Showbusiness bis zur Tristesse einer Gefängniszelle, von mittelalterlichem a-capella-Gesang bis zu zeitgenössischen Chorsätzen reichte die unerschöpfliche Bandbreite der Kulturnacht und dazu gab es noch neue Lyrik, Jazz, Mandolinen- und Lautenmusik, Akkordeon, Kabarett, erlesene Musik für Streichquartett, Slapstick-Filme, intensive Dialoge zwischen Querflöte und Klavier sowie eine lustvoll lasterhafte Collage der sieben Todsünden und plötzlich war der nächtliche Marklplatz von prasselnden Trommelwirbeln erfüllt.

    Man brauchte nur ins Volle hineinzulangen und wo man bei der Nacht der Kultur hineinlangte, war es stets interessant. Selbst ausgesprochenen Nachtschwärmern wurde nach dem Feuerwerk noch ein Nachtprogramm bis zwei Uhr früh zugestanden.

    Resumée: Schön wars, nett wars, gut wars, so dass sich die Frage erübrigt, warum die Leute überhaupt da waren...